Das erste Jahr


Steffen Marquardt

Den Artikel habe ich 2019 orthografisch richtiger gestellt als er vorher war und aufgrund neuerer Erkenntnisse von mir, nach den Erinnerungen von 2007 überarbeitet.

Mein Name ist Steffen Marquardt, ich hatte am 2. Mai 2004 eine Hirnstammblutung. Eine Hirnblutung, die unter dem Oberbegriff Schlaganfall bekannt ist. Ich hatte zwei Nächte davor Veranstaltungen in der Ranch, in der ich als Discjockey auflegte. 
Ich wachte auf und hörte ein Rauschen, von dem ich intuitiv wusste, es kommt nicht von den Ohren  (zum Glück war meine Frau Zuhause) ich sagte noch: sie soll die 112 anrufen und sagen “Schlaganfall”.
Dann fiel ich um und die Lichter gingen aus.

Nach 5 Minuten war der Notarzt da und nahm unter andrem einen Luftröhrenschnitt vor.

Später kam ich noch einmal halb zu Bewusstsein, hörte etwas von Zweihundert und ein paar Siebzig Blutdruck, dann war endgültig finster.

Aufgewacht bin ich dann so langsam zwei Wochen später in der Klinik in Kreischa.

Doch wo ich war wusste ich damals nicht. Ich wusste auch nicht wie lange ich geschlafen habe. Tage, Wochen,  Jahre?
Ohne über Zusammenhänge nachzudenken sah ich Autos ohne Räder.
Nicht im Traum dachte ich, dass ich von schräg unten auf eine Straße sehe.
Nein ich schloss daraus, dass ich so lang geschlafen hätte, dass die Autos inzwischen fliegen können. 

Ich träumte viel, auch irres Zeug. Zwischendrin wie real hörte ich meinen Vater wie er sagte: „Jetzt ist es eh zu spät, nun liegt er da.“
Die meiste Zeit, denk ich, schlief ich. Ich weiß nicht mehr wie lang die Zeit war in der ich aus der Sedierung (auch fälschlicherweise künstliches Koma genannt) geholt wurde, mir kam es Wochenlang vor.

Inzwischen hatte ich registriert, dass ich beatmet wurde. Statt der Nasensonde hatte ich einen Zugang über die Bauchdecke und einen Katheter für die Entwässerung.
Das unangenehme war die Schleimableitung.

Was ich damals nicht wusste war, dass während der Ernährung durch die Magensonde auch zwei Magengeschwüre ausgeheilt wurden und ich war von 120 kg auf am Ende 75 kg abgemagert. Was Normalgewicht für mich ist.

Im Halbschlaf verging wahrscheinlich der erste Monat. Bewegen konnte ich nur die Finger. Reden konnte ich auch nicht.

Zum Thema Kommunikation:

Am Finger hatte ich eine Sonde zur Sauerstoffmessung. Irgendwann merkte ich, wenn ich die Sonde mit dem Finger abpuhlte piepte eine Ap­pa­ra­tur und die Schwester kam.

Das war die einzige Möglichkeit um mit der Außenwelt zu kommunizieren. Also tat ich das öfters. Und zwar so lang bis die Schwester die Tür zumachte und ich glaube das Ding piepen ließ.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das wusste schon Aristoteles. Und zur Sozialisation ist eine Grundlage Kommunikation. Dazu hatte ich einen Weg gefunden, der zwar eingleisig war, aber immerhin.
Was ich der Schwester aber sagen wollte, falls ich hätte mich mitteilen können, wusste ich offenbar nicht.

Nach und nach lernte ich wieder alleine atmen.

Als das Atmen wieder alleine ging, wurde die Kanüle ab und zu entblockt. So dass ich einige Töne von mir geben konnte.
Das klingt so einfach, doch mehr als ein Brummen kam erst einmal nicht heraus.
Dann sollte ich eine sogenannte Sprechkanüle bekommen. Doch zuvor verrutschte meine Kanüle.

Ich sah nachts nur noch Blut.
Dann wachte ich irgendwann in Dresden wieder auf. 
Es ging alles von vorn los.
Ich denke dort sind vielleicht zwei Wochen vergangen.
Was während dieser Zeit gemacht wurde weiß ich gar nicht.

Irgendwann wurde ich zurückverlegt.
Gegen Ende August bemerkte ich, dass mir öfter die Knie weh taten.

(ab jetzt läuft vieles parallel)

Also erst nochmal zur Sprache: Im Krankenblatt steht bei mir wurde eine Tetraparese diagnostiziert.
Das bedeutet, dass ich überall mehr oder weniger gelähmt bin.
Im Gesicht habe ich eine Halbseitenlähmung, also eine Seite ist schlaff.

Also bekomme ich auch ein Auge nicht ganz zu. Darum trug ich auf dem linken Auge einen sogenannten Uhrglasverband, welcher verhindert, dass das Auge austrocknet.

Doch ehrlich gesagt ist es schon halb zu spät. Während ich auf der Intensivstation lag war das Auge schon mal trocken.
Folglich habe ich eine Verletzung auf der Hornhaut. (wie Milchglas) Darum sehe ich fast nur zweidimensional.

Es hat aber auch etwas Gutes.
Darum sehe ich keine Doppelbilder. Denn dann würde ich das Bild des anderen Auges zwar sehen.
Nur ganz wo anders.

Ohne Beatmung musste ich erst wieder Sprechen und Schlucken lernen. 
Das hört sich so einfach an, doch es ist kompliziert, weil der Vorgang so komplex ist. Zuerst musste ich schlucken lernen. Dabei hatte ich Hilfe einer Ergotherapeutin. Frau Müller, der ich unendlich dankbar bin.
Ihr habe ich zu verdanken, dass ich ein Glas  Wasser in einem Zug austrinken kann. Sie lernte mir das Essen.

Dafür nahm sie sich sehr viel Zeit für die Lagerung.
Dann gab es irgendwann ein bisschen Kartoffelbrei. Und immer nachschlucken.
Was jeder Mensch automatisch macht, wurde dort mit viel Aufwand wieder einstudiert. (Heute mache ich das wieder automatisch)

Ich dachte ich bekomme richtig was zu essen, doch erst war nur etwas Brei drin.
Nur einmal gab es eine Kugel Eis.

Was eine andere Sache ist, ist der Gebrauch der Stimmwerkzeuge.
Statt Wörtern kam zuerst nur ein Brummen raus, als ich die Stimmlippen versuchte zu gebrauchen.
So heißen die, nicht Stimmbänder.

Also musste ich versuchen die Dinger irgendwie zu handhaben. Nach einigen Tagen gelang mir das auch.
Meine Stimme war aber ganz schwach.
Diese Therapien machten damals immer Ergotherapeuten.

Zu den Therapien wurde ich in einen sogenannten Pflegerollstuhl gesetzt.
Der wurde um die Beine immer ganz dick abgepolstert, weil mir die Knie weh taten. Das spielt später noch eine Rolle. 

Bevor Ich wieder Sprechen lernte bekam ich eine Buchstabentafel, damit ich Worte buchstabieren konnte.
So könnte ich Satzanfänge bilden, welche der Andere dann nur vollenden musste.
Damals kümmerte sich eine Therapeutin um mich die auch Psychotherapeut war.

Ich selbst hatte kein Maß für die eigene Situation, keinen Blick für Realität.
Einmal sagte ich zu den Therapeuten, sie müssten mich bis Silvester wieder hinbekommen haben, weil ich dann wieder auf die Bühne muss.
Meine eigene Situation verstand ich erst Jahre später. 

Ich hatte einige Male geschrieben, dass mir die Knie weh taten.
Das waren nicht die Knie, sondern die Hüften. Der Schmerz manifestierte sich nur in den Knien. Das wusste ich nur noch nicht.
Zugleich verschlechterten sich meine Blutwerte.

Man meinte, ich bekomme schon so viele Medikamente, man könnte mir nicht noch Antibiotika geben.
Damit wäre das Unheil womöglich noch aufzuhalten gewesen.

Duschen war eine Qual.
Das tägliche Sitzen im Pflegerollstuhl war eine Qual.
Die Therapien eine Qual.
Dann die Lagerung.
Alle vier Stunden anders.
– zwei Stunden rechte Seite.
– zwei Stunden Rücken.
– zwei Stunden auf die linke Seite.
Und von vorn.

Irgendwann sahen wir eine Lösung im Verlegen in eine andere Klinik.
Es standen mehrere zur Wahl. Wir entschieden  uns für Pulsnitz.

Dort angekommen, es war jetzt Mitte September, sollte alles für mich anders werden  …  dachte ich. Doch es sollte schlimmer werden. 

Der September verging. Der Oktober verging. Der November verging.
Ich wurde immer einmal im Pfegerollstuhl in den Park geschoben.
Ich sagte man solle nicht so rütteln, dabei rüttelte es gar nicht. Ich empfand es aber so, dann hielten wir an, und dort war ein Pilz aufgegangen, der unheimlich aromatisch duftete.

Der einzige der immer wieder nach der Ursache der Schmerzen suchte, so schien mir war ein gewisser Dr Schulz.
In meiner Erinnerung ist er immer mit einem Ultraschall-Diagnosegerät herumgefahren.
Das stimmt natürlich nicht.

Ich wurde einige Male in eine Augenklinik auf dem Unigelände gefahren, was auch eine Tortur war.
Irgendwann machte man Röntgenaufnahmen und dann sah man es.


Ich hatte etwas, dass mit der Hirnblutung absolut nichts zu tun hatte. Und nach dem deshalb auch niemand gesucht hatte.
Ich hatte Mir irgendwann eine beidseitige Hüftkopfinfektion zugezogen, die zwischen andere Infektionen und Lungenentzündungen dazwischengekommen war.
Ich wurde in das  Universitätsklinikum in Dresden gefahren.
Dort machte man noch einige Tests und am 2. Dezember 2005 wurden mir in einer Notoperation beide Hüftköpfe entfernt.
Sonst hätte ich Jahresende wahrscheinlich nicht erlebt.

Das war also mein Geschenk zu Nikolaus.
Doch die Schmerzen waren weg.
Doch in welchem Zustand war ich jetzt. 
Wahrscheinlich war man froh, dass ich lebte. 

Weihnachten 2005 wurde ich erst einmal entlassen. Weihnachten gab es ein Eis mit Eierlikör. Danach hätte ich wahrscheinlich noch zwei Mon Cheri gebraucht und ich wäre volltrunken gewesen. 

Wenn man bedenkt welcher Weg noch vor mir lag. Und welches Glück ich hatte. 

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