(M) Eine Geschichte

So, ich hab ja nix zu tun.
Ich sollte auch einmal beschrieben wie das mit mir als Menschen mit Behinderung unter Menschen war. Eben mit meinen Worten.

Am Ende ist es ein bisschen die Geschichte des VITAL e.V. geworden. 

Am Anfang war ich in der passiven Rolle, ja sogar in  Antistimmung. Das war zum Ersten mal deshalb weil ich anders aussah, weil ich anders sprach, alles was mich nicht normal aussehen ließ.
Ich wollte keine anderen Menschen sehen. 

Ich war ja selbst nicht durch die Krankheitsverarbeitung durch. Das war dann erst so 2008 der Fall, dass ich vielleicht nicht durch alle Phasen durch war, aber zumindest ziemlich weit.
(Mit dem Thema Krankheitsverarbeitung  habe ich mich erst später beschäftigt.)

Am 20. Juli 2005 hatte sich die Selbsthilfegruppe Aphasiker Plauen  gegründet. Das hatte meine Mutter schon in der Zeitung gelesen, meinte ich solle dorthin gehen, doch da war ich noch nicht bereit dazu

Das mit der Krankheitsverarbeitung ist nämlich eine ganz spezielle Sache da muss man als Betroffener selbst durch und alle in seinem direkten Umfeld, also die Angehörigen, mit.
Die Betonung liegt auf selbst. Ich musste es selbst schaffen. 
Meine Eltern konnten mir nur die besten Bedingungen bieten. 

Also 2005 wurde ich aus der Klinik entlassen und gegen 2008 war ich erst soweit, dass ich bereit für  eine Selbsthilfegruppe war.

Ich wurde langsam in die Geschehnisse eingebunden. 

(Zwischenbemerkung: Diese drei Jahre sind nicht die Regel, vor allem bei so schweren Krankheitsverläufen.
Meine Eltern gaben mir die besten Bedingungen. Meine Mutter war bei Vital e.V. auch die erste die Verantwortung übernahm.) 

Doch noch sind wir im Jahr 2008 ich war ab und zu bei der Selbsthilfegruppe im Komturhof dabei, manchmal auch bei der Selbsthilfegruppe junge Behinderte des VdK. Nebenher wurden wir auch Mitglied bei der Elterninitiative Hilfe für Behinderte und ihre Familien Vogtland e.V.
Mit der Elterninitiative war ich auch zwei Mal im Urlaub. Einmal in Hamburg und einmal am Ammersee.

Der Leiter der Selbsthilfegruppe junge Behinderte des VdK organisierte auch Tagesfahrten. Einmal waren wir in Riesa, in Naumburg, hinterm Kyffhäuser und in Plzen in der Brauerei.

So kam es, dass ich fast mehr herum kam und mehr Kontakte hatte als vorher. 

Im Sommer sind meine Eltern jedes Jahr an die See gefahren. Also musste ich zwei Wochen woanders wohnen.
Das erste Jahr wohnte ich in einem Altenheim.
Die nächsten zwei Jahre bei der Elterninitiative und dann zwei Jahre in einer Wohngemeinschaft eines Pflegedienstes.
Dann war ich soweit, dass ich mit Betreuung Zuhause bleiben konnte. 

Die Selbsthilfegruppe im Komturhof wurde dann zum Standard.
Manchmal sind wir auch nach Stollberg gefahren.
Dort war ein gewisser Dr. Erich Rieger Vorsitzender des Vereins. Der gleiche Mann, der ein paar Jahre später den Anstoß gab den VITAL e.V. zu gründen.

Dieser Verein, Aphasiker Südwestsachsen e.V. hatte ein Projekt namens “mobile Akademie”. Dort nahmen wir an einigen Veranstaltungen teil. Auch mit der ganzen Selbsthilfegruppe.
An einem Tag fuhren wir in den Landtag.
An einem anderen Tag machten wir in Klingenthal beim Vogtlandlauf mit. Der Erich lief auch mit und belegte in seiner Altersklasse den ersten Platz. Er war damals 70 Jahre und in seiner Altersklasse der einzige.
Dann kam eine Veranstaltung im Wasserschloss Klaffenbach, bei der ich selbst zum Akteur wurde. So kam dann eins zum anderen und wir wurden immer aktiver.
Zum Abschluss der mobilen Akademie hielt ich schon einen Vortrag mit dem Thema :”Inklusion”.

Bei einer zweitägigen Veranstaltung im Waldpark Grünheide hörte ich das erste Mal bewusst  von der Behindertenrechtskonvention. Zu dieser Zeit muß der VITAL e.V schon gegründet worden sein. 2011 war das dann schon bewusster.

Eines der bemerkenswerten Dinge ist, dass nicht einmal ein Jahr nachdem Deutschland die Behindertenrechtskonvention ratifizierte, eben die in der Satzung als  Grundlage unserer Arbeit in der Satzung des VITAL e.V festgeschrieben wurde. 

So gingen die ersten Jahre in’s Land. Von der Vereinsgründung bekam ich nichts genaueres bewusst mit. Da lag ich wahrscheinlich gerade im Krankenhaus.  Nur die Veranstaltungen der Selbsthilfegruppe machte ich mit.   

Vorerst machten wir mit den Stollbergern alles zusammen. Dr, Erich Rieger hatte sich  mit einem Feldbett im Büro einquartiert. Er hatte sich eine Mitarbeiterin, eine Sozialpädagogin besorgt Sie ist jetzt noch bei uns. Das ist die Stefanie. 

Eine Kollegin hat sie auch,  ziemlich bald bekommen, die Franziska eine Soziologin und einige Jahre später eine zweite die Christine. 

Abschlüsse sind das eine,  Arbeitsaufgaben sind das Andere  und sehr wandlungsfähig. 

Zunächst waren wir nur Ansprechpartner für Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung (Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder Hirntumor) und deren Angehörige. 

Wobei es nie um Krankheiten selbst ging, sondern immer darum was die Krankheit mit den Menschen macht und wie man mit den Symptomen der Krankheit umgeht. Im normalen Leben, auch in der Gruppe.

Im September 2011 führten wir am Stadion den ersten Aktivtag durch. Dem folgten dann viele weitere. 

Ungefähr um diese Zeit bekamen wir den Caddy. Gegen Jahresende 2011 nahm Erich Rieger mich mit zur Firma Goldbeck nach Treuen zur Spendenübergabe. Am 18. April 2012 fuhren wir dann nach Berlin ins Kanzleramt um den Gewinnerpreis Start-Social 2012 entgegenzunehmen. Dort habe ich die Dankesrede gesprochen. Auch vor der Kanzlerin und den Sponsoren.  Ich glaube nicht, dass jemand was verstanden hat. 

Spätestens da hätte ich merken müssen, dass mich Erich als Nachfolger ins Auge gefasst hatte. 

Im Oktober 2012 wurde ich dann gewählt. Die ersten Jahre verbrachten wir mit dem Aufbau von Selbsthilfestrukturen. Dann auch von den ersten sogenannten Neigungsgruppen. Hobby und Handwerksgruppe und auch Handarbeit. 

Das waren die ersten, schon ziemlich erfolgreichen Jahre des VITAL e.V. 

Dann sagte Stefanie sie ist schwanger. Kurz darauf war auch Franziska schwanger. Also haben wir uns Ralf Sengewald gesucht. Das war zwar nicht so einfach, wie ich das schreibe, aber ein Glücksgriff. Er hatte vorher in der Psychiatrie gearbeitet. Davor hatte er jahrelange Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung. 

Dann bin ich 2015 zum ersten Mal zum Nachsorgekongress der Hannelore Kohl Stiftung gefahren. Damit hatte langsam die Idee einer wirklichen Beratungsstelle Gestalt anzunehmen begonnen. Dort bahnte ich die ersten Kontakte an. 

Dann wurden wir Mitglied eines bundesweiten Netzwerkes von Beratungsstellen für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen. 

In Deutschland wurde das Bundesteilhabegesetz  BTHG zusammengebaut und im Paragraphen 32 wurde die unabhängige Teilhabeberatung festgeschrieben. 

Und seit 2018 heißt es:VITAL e.V. ist im Vogtlandkreis Träger für die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung. 

Seit dem, doch eigentlich schon eher sind wir für alle Menschen mit Behinderung im Vogtlandkreis tätig. 

Zum Nachsorgekongress war ich dann jedes Jahr, schon der Vorträge und Workshops wegen. Denn sie zeigten die ungefähre Entwicklung der Aufgabenfelder auf. 

Schon 2014 wurde ich in den Behindertenbeirat gewählt und 2019 wieder. Eine Legislaturperiode geht dabei 5 Jahre. Im Jahre 2018 wurde er dann umbenannt in “Beirat für Menschen mit Behinderung”.

Als zweites kam dann noch die Arbeitsgruppe Behindertenhilfe der Stadt Plauen dazu. Seit unserem 5 – jährigem Jubiläum sind wir auch nach Mitglied im Dachverband Stadtmarketing Plauen. 

Beim VITAL e.V. arbeiten wir in Projekten. Mit Ralf Sengewald konnten wir ein neues Projekt anbieten. Das Netzwprojekt Inklusionskultur. Dabei geht es im weitesten Sinne um Aktivitäten die mit Kultur zu tun haben. 

Dabei ķam uns zugute, dass er ein sogenannter Kulturschaffender war.

In dieser Zeit haben wir angefangen mit Bildungseinrichtungen zu arbeiten. Mit manchen nur Sporadisch, Witt – Auerbach, BSW-Reichenbach, Therapeuten Schule in Bad Elster,  “Anne Frank” Plauen. Mit anderen haben wir Beziehungen aufgebaut, wie Helios Bildungszentrum und dann mit der WBS Trainingsschule Plauen. 

Insbesondere weil das Kinder kriegen bei uns geballt ausgebrochen war. Nach der einen wurde auch die andere Mitarbeiterin schwanger, und dann die erste noch einmal. 

So, dass wir zeitweilig zwei Mitarbeiterinnen austauschen mussten. Also stellten wir Uli Wenzel, den Kartoffelmann ein.

Bei dem konnten wir uns das arbeiten mit der Kartoffel und seine tiefe Verbundenheit zum Vogtland zunutze machen. Und er machte sich unsere Reichweite für den Vogtländischen Knollenring nutzbar. Mit Uli Wenzel haben wir schon vorher zusammengearbeitet bei einem Projekt zum Suchen, Testen und Dokumentieren barrierearmer Wanderwege im Vogtland, für das wir in Halle mit dem “Inklusionspreis von Mitteldeutschland” ausgezeichnet wurden.

Dann kamen noch einige Kleinprojekte die mit der Kartoffel zu tun hatten. Auch als Reiseleiter hat er sich in gute Erinnerung gebracht. Sei es in Rostock, im Spreewald und einigen Tagesfahrten. Kurz vorm Urlaub in Thüringen 2017 ist Uli Wenzel leider gestorben.

Im Frühjahr 2019 waren wir wie jedes Jahr zum Selbsthilfegruppen – Sprechertreffen der Stiftung Schlaganfall-Hilfe und ich kam mit Herrn Stricker zusammen. Kurz gesagt, es gab Kontakte, man besuchte sich. Und seit Januar sind wir darüber das Schlaganfallbüro in Kooperation mit der Stiftung Schlaganfall-Hilfe aufzubauen. 

Ich sagte schon, dass wir nach Projekten arbeiten. Seit 2018 haben wir eins, was den  sorgsamen Umgang mit Körper, Geist und Seele beinhaltet. 

Es läuft auch ganz gut.

Und jetzt funkt der Menschheit dieses Virus dazwischen.

Genau zum 10-jährigen Bestehen des VITAL e.V. 

Es wird danach weitergehen. Ich denke Menschen mit Behinderung sterben nicht aus. Den Schlaganfall und Hirntraumata gibt es auch weiterhin. Vielleicht müssen wir vieles ändern.

Alles weitere bleibt abzuwarten.

Der Zeitverlauf in meiner Geschichte ist ziemlich durcheinander. Das kommt weil viel parallel läuft. Man möge mir das nachsehen. 

Das wichtigste noch einmal es geht weiter. 

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